Mittwoch, 20. Oktober 2010

Die Frau mit den steinernen Brüsten

Niemand weiß, woher sie kam. Auch ich kenne ihre Geschichte nicht. Sie war eines Tages einfach da - die Frau mit den steinernen Brüsten.
Zu dieser Frau kam ein Junge. Weil er noch sehr klein war, wollte er sich oft an die Frau anlehnen. Manchmal, wenn er durstig und hungrig war, hätte er gerne an ihren Brüsten getrunken. Doch er spürte dann immer nur Härte und Kälte und wurde nie satt, denn steinerne Brüste geben keine Milch.
So lebte der Junge häufig nur vom Betteln und von der Milch, die andere ihm hin und wieder gaben. Aber in seinem Herzen wollte die Sehnsucht nicht weichen, sich an dieser einen Frau zu wärmen, sich liebevoll anzuschmiegen, von ihren Brüsten zu trinken und in ihrem Schoss zufrieden einzuschlafen. Oft träumte er davon und war im Traum sehr glücklich. Aber versuchte er es wirklich einmal, wiederholte sich ständig nur seine schmerzliche Erfahrung mit den Brüsten aus Stein.
Diese Frau hatte auch einen Mann. Ihm erging es nicht viel besser als dem Jungen. Wenn er abends müde von der Arbeit nach Hause kam und die Nähe und Wärme seiner Frau suchte, fand er nur Härte und Kälte. So wurde er mürrisch, unzufrieden, launisch und außerdem neidisch auf den Jungen. Aus irgendeinem Grunde glaubte er, dass der Junge ihm, vielleicht die Gunst seiner Frau nähme. So begann er, den Jungen zu hassen. Er hetzte und scheuchte ihn, beschimpfte ihn oft und ließ ihm kaum eine Minute Ruhe oder Freiheit. So oft wie möglich versuchte er, dem Jungen Angst zu machen, ihn einzuschüchtern.
Als nun der Junge einmal über sein Unglück weinte, musste er erleben, dass man über seine Tränen auch noch lachte. Ein Junge weint nicht, wurde ihm von dem Mann gesagt. Und gleich hetzte dieser ihn weiter: "Hol dies, tu das, mach jenes, und alles schnell, schnell." Wie immer gab sich der Junge größte Mühe, es dem Mann recht zu machen. Aber er bekam kein Lob, wurde nicht in den Arm genommen oder gar gestreichelt.
Einmal im Jahr feierte die Familie ein Fest, das Fest der Besinnung, wie es genannt wurde. Tatsächlich diente es aber dazu, die Kinder einzuschüchtern. Ihnen wurde an diesem Tag feierlich Angst gemacht - soviel Angst, dass sie sich wieder ein Jahr lang die ganze Hetze gefallen ließen, willig all dies taten, wozu sie gebraucht wurden und sich mit den steinernen Brüsten der Mutter abfanden.
Ein Mitglied der Familie kleidete sich in zottige Schafsfelle und ermahnte den Jungen, immer brav zu sein. Zur Belustigung aller Anwesenden musste der Junge Gedichte aufsagen, Lieder singen, Gebete herunterrasseln und versprechen, immer artig zu sein. Und bei dieser Zeremonie leuchteten die Augen der Erwachsenen.
Mit der Zeit lernte der Junge, dass Angst, Verbote, Hetze und die steinernen Brüste der Mutter offensichtlich zu seinem Schicksal gehörten. Er fand sich schließlich damit ab. Wirkliche Freunde hatte er keine, weil er ja ständig gehetzt wurde und nie richtig Zeit für sie hatte. Und da er immer voller Angst war, es nie jemandem recht machen zu können, hatte er es sowieso nicht leicht, richtige Freunde zu finden. Anderen Menschen begegnete er oft seltsam, kam diesen schroff, abweisend und manchmal ein bisschen komisch vor. Und obwohl niemand so richtig etwas gegen ihn hatte, mochte ihn trotzdem keiner so recht. Also verschloss er sich vollends.
Eines Tages kam eine gütige Zauberin durch das Land. Sie lernte den Jungen kennen und bemerkte sofort, wie unglücklich er in seiner Verschlossenheit war und wie schlecht es ihm erging. Sie beschloss zu helfen und sagte, dass sie ihn gern habe und ihm behilflich sein wolle. Aber der Junge fühlte nichts dabei, er wusste nicht, was das ist: gemocht zu werden.
Trotzdem blieb die Nähe der alten Zauberin nicht ganz ohne Wirkung auf ihn. Er fand endlich den Mut und die Kraft, sich von seiner Familie zu lösen. Er zog aus und ließ alles hinter sich.
Dem Mann und seiner Frau fehlte plötzlich jemand, den sie hetzen und quälen konnten, jemand der sich alles gefallen ließ und an dem sie ihre Launen auslassen konnten. Sie versuchten, den Jungen zurückzuholen, erzählten, was sie alles für ihn getan und dass sie alles nur gut gemeint hätten. Sie wollten nur sein Bestes, sagten sie, doch der Junge erwiderte, dass er gerade sein Bestes ihnen nicht geben, sondern für sich behalten wolle. Da warfen sie ihm Hartherzigkeit und Undankbarkeit vor, versuchten ihn einzuwickeln und zu erpressen. Aber er konnte hart bleiben und ging nicht mehr zurück.
Auch in der Fremde hatte er es nicht leicht. Außer Angst, Hetze und Gehorsam hatte er ja nichts gelernt, hatte immer nur Enttäuschungen erfahren. Und jetzt merkte er die schlimmen Folgen: Wenn ihm jemand Essen und Trinken anbot, eilte er oft so gehetzt daran vorüber, dass er nie richtig satt wurde. Hunger und Durst wurden niemals wirklich gestillt, sondern immer nur oberflächlich. Die Menschen in seiner neuen Umgebung dachten mit der Zeit, dass er einfach nicht richtig essen und trinken wolle und beließen es dabei.
Und meinte es jemand besonders gut mit ihm, lud ihn ein, sich bei ihm auszuruhen, anzulehnen und wohlzufühlen - sah der Junge plötzlich die steinernen Brüste vor sich, verspürte ihre Kälte und Härte, fühlte wieder die maßlose Enttäuschung - und immer dann bekam er Angst, doch wieder nur enttäuscht zu werden und ergriff die Flucht.
Er floh noch oft in seinem Leben. Auch später, als erwachsener Mensch, lief er häufig davon. Und sehr oft floh er zu Unrecht, denn die Menschen meinten es wirklich gut mit ihm. Aber das konnte er ja nicht wissen.
Eines Nachts träumte er von einem Pfad, der ihn hinführte zu Menschen, und von Kindern, die ihm den Weg wiesen. Er träumte von Gesichtern, die ihn aufschlossen, und davon, dass die Angst wich, dass Freude an guter Nähe in ihm keimte. Und als er erwachte, hatte die Wirklichkeit eine andere Farbe gewonnen.
Bruno Streibel


Aus: "Die Farben der Wirklichkeit - Ein Märchenbuch"
lucy körner verlag


Egal wie oft ich eine Geschichte lese, die Bilder in meinem Kopf sind selten die gleichen. Dieses Mal drängte sich mir unsere "coole" Gesellschaft auf und es macht mich sehr traurig, dass die Mehrheit nicht zu erkennen scheint, wohin uns eine lieblose Ellenbogenmentalität führen wird. 

Paulinchen

Kommentare:

  1. Liebe Margitta,

    erneut eine sehr ansprechende und - für Menschen, die lesen und verstehen wollen - auch lehrreiche Geschichte. Dafür erst einmal schönen Dank - der selbstredend auch dem Autor gilt ;-)

    Die "Bilder", welche die Geschichte dieses Mal vor Deinem inneren Auge entstehen liessen, korrespondieren absolut mit dem, was ich beim erstmaligen Lesen der Geschichte bereits empfinden und zwangsläufig mit der Realität unserer Gesellschaft verbinden MUSSTE.

    Im Grunde genommen erzählt die Geschichte ja auch nicht nur von einem einzelnen Jungen, sondern von dem, was Kälte und Lieblosigkeit, meist noch gepaart mit Willkür und Herrschsucht, aus jeden "ursprünglich reinen" Wesen machen. Insofern kann man sie also auch sehr wohl als einen Spiegel bezeichnen, der unserer genau diesen FALSCHEN "Werten" hörigen Gesellschaft gar nicht oft genug vors Gesicht halten kann!

    Wie immer ... nur meine Meinung, aber zu der stehe ich bekanntlich uneingeschränkt ;-)

    Liebe Grüße,
    Adalbert

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  2. Hallo. Die Geschichte,finde ich, ist auf uns alle Menschen bezogen. Jeder sucht Liebe und Anerkennung. Leider gibt es das nicht viel. Wir machen alle diese Erfahrung, manch einer kann damit umgehen,einige nicht. Und das Vertrauen ist jawohl schon lange kaputt. Oder glaubt ihr,was die da oben erzählen?
    Gruß Marion

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