Donnerstag, 3. Dezember 2009

Hüterin des Wissens

Gehetzt blickte er um sich. Er brauchte dringend ein Versteck, denn die Meute war dicht hinter ihm. In letzter Sekunde sah er ein kleines Mäuerchen links neben sich. Ohne zu überlegen, sprang er drüber und ... fiel ins Bodenlose.
Der Schreck fuhr ihm in die Glieder, aber der erwartete Aufprall blieb aus. Stattdessen landete er sacht auf irgendetwas Weichem.
"Geht es dir gut? Hast du dich verletzt?" Verwundert schaute er sich um und sah, dass er auf einer Schildkröte saß, inmitten einer herrlich duftenden Wiese.
Bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, fuhr die Schildkröte fort: "Du hast mich aber lange warten lassen! Wenn ich nicht so geduldig wäre, wäre ich schon lange nicht mehr hier, um dich aufzufangen. Ich weiß nicht, ob du deinen unvorsichtigen Sprung überlebt hättest. Nun ja - immer begibst du dich in Gefahr, ohne den Verstand einzuschalten." Bedächtig schüttelte sie ihren Kopf.
"Willst du nicht von mir runter steigen und dich neben mich setzen?"
"Oh, natürlich, Entschuldigung", stammelte er und sprang ins Gras.
"Wo bin ich?" fragte er, "und seit wann können Schildkröten sprechen?"
"In NUERTRAEV können alle Wesen sprechen", antwortete die Schildkröte und beobachtete ihn dabei aufmerksam.
"NUERTRAEV", wiederholte er und hatte auf einmal das Gefühl, als hätte er etwas gefunden, was er vor langer, langer Zeit verloren hatte. Er sah der Schildkröte direkt in die Augen und fühlte ein sonderbares Kribbeln im linken großen Zeh, welches sich in Windeseile in seinem ganzen Körper ausbreitete, so als würde er unter Strom stehen.
NUERTRAEV, klang es in ihm ...

Als er erwachte, fühlte er sich ausgeruht wie lange nicht mehr. Er stand auf, ging zum Fenster, öffnete es, machte seine Morgengymnastik und verschwand danach im Bad.
Eine Stunde später saß er in einem Café und frühstückte ausgiebig. Sein Blick fiel auf die Zeitungen, die rechts neben ihm an der Wand in Zeitungshaltern geklemmt hingen.
"Korruption im Gesundheitswesen", "Kinderarmut steigt weiter an", "Tausende Arbeitsplätze gefährdet", "Mann erschießt seine Familie und sich selbst".
Verständnislos schüttelte er den Kopf, trank seinen Kaffee aus, bezahlte und verließ das Café.
Da er nicht so recht wusste, was er heute unternehmen wollte, ging er in den kleinen Park an der nächsten Straßenecke. Voller Dankbarkeit dachte er an seine Eltern, die ihm ein kleines Vermögen hinterlassen hatten, welches ihm ermöglichte, sein Leben so zu gestalten, wie er es für richtig hielt. Unweit des Teiches, in der Mitte des Parks, fand er eine Bank, setzte sich und sah dem Treiben der Enten und Schwäne zu.
"Schau Mama, da sind Enten und Schwäne", hörte er ein kleines Mädchen sagen.
"Jaja, komm jetzt! Wir haben keine Zeit! Wir müssen deinen Bruder aus der Krippe abholen, sonst kriegen wir wieder Ärger."
Sie hastete an ihm vorbei und zog die Kleine hinter sich her. Sein Gruß verhallte unerwidert.
"Was ist das bloß für eine Welt, in der wir heute leben?", fragte er sich. Keiner schien mehr Zeit zu haben. Alle seine Freunde hatte er im Laufe der Jahre an diese Unsitte verloren. Jeder glaubte, die Zeit liefe ihm davon ...
Aufgeregtes Geschnatter riss ihn aus seinen trüben Gedanken. Er sah zum Teich hin. Die Enten und Schwäne sahen alle in seine Richtung und er hatte das Gefühl, als riefen sie ihm etwas zu.
"Sprechende Tiere? So ein Blödsinn!", murmelte er und schüttelte den Kopf. Er wollte aufstehen, um weiterzugehen, da kam ihm NUERTRAEV in den Sinn. Zugleich spürte er ein sonderbares Kribbeln im rechten großen Zeh.

Er sah in die Augen einer Schildkröte.
"Es ist die Angst, die deine Welt so verändert hat."

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