Posts mit dem Label Märchen? werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Märchen? werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 2. Mai 2013

Das Märchen vom Tod

Vor einigen Tagen besuchte ich eine Freundin und im Laufe unserer Gespräche empfahl sie mir das Buch: "Das Märchen vom Tod" von Marie-Claire van der Bruggen. Da das Thema Tod mich schon so lange ich denken kann faszieniert und ich diesen bis heute nicht als das absolutes Ende denken kann - da mir mein Gefühl etwas anderes sagt - suchte ich im Netz nach Informationen zu diesem Buch. 

Bei YouTube fand ich die ersten fünf Kapitel dieses Buches und beim Anhören dieser Geschichte fühlte ich wie ein wohlig warmes Gefühl in mir hochstieg und mich komplett einhüllte. Ich hatte das Gefühl zu Hause und in Sicherheit zu sein.

Vielleicht ist da draußen ja ein Mensch, der genau auf dieses Buch wartet...


Das Märchen vom Tod


Alle Teile


Samstag, 8. September 2012

Das Märchen vom Geld

Es war einmal ein junger Mann mit sehr besonderen Fähigkeiten. Er war äußerst feinfühlig, spürte mehr, als er immer gerade wusste, er war schöpferisch und sehr kreativ in seiner Lebensgestaltung. Es gab da nur ein kleines Problem: Er arbeitete und arbeitete, hatte geniale Ideen und verwirklichte sie auch mit Erfolg, aber eine bestimmte Art von Energie in Form von materiellem Wohlstand floss einfach nicht zu ihm zurück. Er überlegte sich lange, was er wohl falsch machte, und verfiel auf eine interessante Idee: Er legte einen kleinen Geldschein auf seinen Altar und bat jeden Tag darum, dass sich diese Energie in seinem Leben vervielfache. Und siehe da: es funktionierte. Sein Einsatz verzehnfachte sich in kurzer Zeit, und nach einem Jahr hatte er sich verhundertfacht. Bloß: Das genügte gerade zum Überleben, von Überfluss keine Spur.

Da sagte eine Stimme in dem jungen Mann: Erhöhe den Einsatz, so wird auch der Rückfluss größer. Das fand er logisch und legte zuerst einen größeren und dann schließlich den größten Geldschein, den es in seiner Währung gab, auf seinen Altar. Am ersten Tag, als er so die Wohnung verließ, schaute er zweimal nach, ob er auch die Tür gut abgeschlossen hatte, aber es passierte ihm mehrmals an diesem Tag, dass er etwas beunruhigt daran dachte, dass in seiner Wohnung für jeden Einbrecher sichtbar ein großer Geldbetrag einfach so auf dem Präsentierteller lag. Und es kam, wie es kommen musste: Am dritten Tag kam ein Dieb und stahl ihm nicht nur den Geldschein, sondern verwüstete die Wohnung und nahm alles mit, was irgendeinen Wert hatte.

Das war mehr, als der junge Mann glaubte ertragen zu können. Doch es dauerte nicht lange, da hörte er wiederum eine Stimme in sich sagen: Höre auf mich, und du kannst endlich frei werden. Der junge Mann sagte: ich habe schon einmal auf dich gehört, und jetzt schau an, was mir geschehen ist. Die Stimme sagte nichts darauf. Es war Stille, reine, potente Leere. Und der junge Mann merkte, wie sich etwas in seinem tiefsten Inneren zu öffnen begann. Da sagte die Stimme: Nimm alles, was du hast, leg es auf deinen Altar, lass die Tür weit offen stehen und verreise für zwei Wochen. Der jung Mann geriet in Panik, aber er sah auch ein, dass er keine Wahl hatte. Er wollte einen ganz tiefen Durchbruch erleben, und so tat er, wie ihm geheißen war. Die ersten Tage waren schlimm. Ständig war er in Gedanken zu hause und hatte schlimme Visionen davon, dass er mit Sicherheit bald alles würde verlieren. Doch irgendwann beruhigte er sich, und begann, sich an der Natur rund um ihn herum zu erfreuen. Er ließ seine destruktiven Gedanken vom Wind mitnehmen, er nahm die Fülle in der Pflanzenwelt wahr, er spürte das enorme Kraftpotenzial der Steine und Felsen, und er badete im warmen Meer seiner Sinnlichkeit.

Als er nach zwei Wochen zurückkam, trat er ohne Herzklopfen durch die offene Tür - siehe da, das Geld lag unberührt da. Da überkam ihn große Freude, und es dauerte nicht lange, bis sein Schicksal sich grundlegend und für immer zu seinen Gunsten wandelte.
(von Simone Koller)


Unsere Redakteurin Simone K. Koller ist Autorin und Kursleiterin. Sie leitet in Gruppen und Einzelsitzungen dazu an, für aktuelle Lebensfragen kreative Lösungswege und tiefgreifende Erklärungsansätze zu entwickeln - ganz einfach durch das Verfassen von eigenen Märchen. Info unter http://www.sikoberatung.ch/.

Gefunden in Matrix 3000, September 2004

Dienstag, 7. August 2012

Eine Stunde Zeit



Eine Stunde Zeit

Ein Mann kam spät von der Arbeit nach Hause, müde und erschöpft. Sein fünfjähriger Sohn wartete auf ihn an der Tür: „Papa, darf ich Dich etwas fragen?”
„Ja, sicher. Worum geht es denn?“, antwortete der Mann.
„Papa, wenn Du arbeitest, wie viel verdienst Du pro Stunde?“
„Das geht Dich gar nichts an. Warum fragst Du solche Sachen?“, sagte der Mann ärgerlich.
„Ich will es doch nur wissen. Bitte sag mir, wie viel Du in der Stunde bekommst.“ bettelte der kleine Junge.
„Wenn Du es unbedingt wissen musst: Ich bekomme 20 Euro die Stunde.“
„Oh“, stöhnte der kleine Junge mit gesenktem Kopf.
Dann schaute er auf und sagte: „Papa, kann ich mir bitte zehn Euro von Dir leihen?“
Der Vater explodiert: “War das der einzige Grund, zu erfahren, was ich verdiene? Nur um mir Geld abzuluchsen und damit ein dummes Spielzeug oder sonstigen Unsinn zu kaufen? Du kannst auf Dein Zimmer gehen und darüber nachdenken, ob das nicht sehr egoistisch ist. Ich arbeite lang und hart jeden Tag und ich habe keine Zeit für diesen kindischen Quatsch!”
Der kleine Junge ging leise in sein Zimmer und schloss die Tür. Der Mann setzte sich vor den Fernseher und ärgerte sich weiter über den hinterhältigen Versuch seines Sohnes. Nach etwa einer Stunde hatte er sich beruhigt und begann sich zu fragen, ob er nicht überreagiert hatte. Er ging hinauf zu seinem Sohn und öffnete die Tür.
„Schläfst Du schon?“, fragte er.
„Nein, Papa. Ich bin wach.“
„Ich habe nachgedacht. Ich finde ich war vorhin zu hart“, sagte der Mann.
„Ich hatte einen langen, schwierigen Tag und ich habe meine Anspannung an Dir ausgelassen. Hier sind die zehn Euro, die Du haben wolltest.“
Der kleine Junge sprang vom Bett: „Oh, danke, Papa!“ rief er.
Dann holte er unter seinem Bett einen flachen Karton mit einigen Münzen darin. Als der Mann sah, dass sein Sohn bereits einiges an Geld hatte, wurde er wieder ärgerlich, während sein Sohn langsam das Geld zählte.
“Warum hast Du mich nach Geld gefragt, wenn Du doch schon welches hattest?”
„Weil ich nicht genug hatte. Aber jetzt reicht es!“, sagte der Junge.
„Papa, ich habe jetzt 20 Euro. Kann ich eine Stunde Zeit bei Dir kaufen?“

Dienstag, 26. Juni 2012

Die Welt in Ordnung bringen


Ein kleiner Junge kam zu seinem Vater und wollte mit ihm spielen.
Der aber hatte keine Zeit für den Jungen und auch keine Lust zum Spiel.
Also überlegte er, womit er den Knaben beschäftigen könnte.

Er fand in einer Zeitschrift eine komplizierte und detailreiche Abbildung der Erde.

Dieses Bild riss er aus und zerschnipselte es dann in viele kleine Teile.
Das gab er dem Jungen und dachte, dass der nun mit diesem schwierigen
Puzzle wohl eine ganze Zeit beschäftigt sei.

Der Junge zog sich in eine Ecke zurück und begann mit dem Puzzle.
Nach wenigen Minuten kam er zum Vater und zeigte ihm das fertig zusammengesetzte Bild.
Der Vater konnte es kaum glauben und fragte seinen Sohn, wie er das geschafft habe.

Das Kind sagte: "Ach, auf der Rückseite war ein Mensch abgebildet.
Den habe ich richtig zusammengesetzt.
Und als der Mensch in Ordnung war, war es auch die Welt."



Donnerstag, 28. Oktober 2010

Der alte Zigeuner

Es war eine schmucke, saubere und ordentliche kleine Stadt. Das Leben der Bewohner verlief in geregelten Bahnen, die nur selten durch eine unliebsame Störung unterbrochen wurden. Und alle in der Stadt waren bemüht, diese so beruhigende Ordnung auf keinen Fall zu gefährden oder in Frage zu stellen.
In jedem Sommer ließen sich Zigeuner für ein paar Tage am Rand dieser kleinen Stadt nieder. Da sie sich in den normalen Gang der Dinge einfügten und keine Unordnung brachten, wurden sie zwar meist argwöhnisch beäugt, aber immerhin geduldet. Die Frauen kauften bei ihnen Stoffe und Korbwaren und besuchten heimlich, ohne dass es ihre Männer wussten, die alte Zigeunerin mit der Kristallkugel und den Tarotkarten. Die Männer bewunderten mancherlei Vorführungen und Kunststücke und besuchten heimlich, ohne dass es ihre Frauen wussten, ebenfalls die alte Wahrsagerin. Und die Kinder strichen neugierig und aufgeregt um die Wagen der Zigeuner herum. Hier roch es nach Abenteuer und Fernweh - und vor allem kam nach ein paar Tagen immer der alte Roman aus seinem Wagen, von den Kindern sehnsüchtig erwartet.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Die Frau mit den steinernen Brüsten

Niemand weiß, woher sie kam. Auch ich kenne ihre Geschichte nicht. Sie war eines Tages einfach da - die Frau mit den steinernen Brüsten.
Zu dieser Frau kam ein Junge. Weil er noch sehr klein war, wollte er sich oft an die Frau anlehnen. Manchmal, wenn er durstig und hungrig war, hätte er gerne an ihren Brüsten getrunken. Doch er spürte dann immer nur Härte und Kälte und wurde nie satt, denn steinerne Brüste geben keine Milch.

Freitag, 15. Oktober 2010

Ein Lebenswerk

Einst lebte ein junger Maler im 'weiten Land'. Alles, was er besaß, waren ein altes, großes Haus und ein Brummen.
Die Wasserstelle, nur wenige Meter vom Haus entfernt, sorgte dafür, dass rings um das Gebäude einige dürftige Pflanzen, Büsche und Bäume gediehen. Mit viel Mühe baute der junge Maler auf einem Feld auch Obst, Gemüse und Mais an, um sich zu ernähren.
Abgesehen von dieser grünen Insel war die Gegend um das Haus ausgetrocknet, unfruchtbar und wüstengleich. Seit Jahren war kein Regen niedergegangen, weshalb das Land, soweit das Auge reichte, in grau-weiß-gelber Eintönigkeit ausgestreckt lag.
Auch die Ziegel des Hauses waren durch die immerwährende Sonnenglut schließlich gebleicht, so dass die Wüste auf diese Art schon einen Vorboten in das Herz der Oase entsandt hatte. 
Das sah auch der junge Maler, als er eines Morgens vom Wasserholen zum Haus zurückging. Dennoch begab er sich  - wie immer - an sein Tagwerk und malte. Er malte auch in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten. Er malte so lange, bis ihm die Leinwand ausging und auch sein Vorrat an Ölfarben sich dem Ende zuneigte.
Mit jedem Tag jedoch, da er den Weg vom Brunnen zum Haus zurücklegte, wuchs in ihm der Entschluss, der Wildnis ihren Triumph nicht zu gönnen.
Als dann sein letztes Bild vollendet worden war, erkannte der Maler, dass er keine Leinwand mehr brachen würde. Er wollte von nun an sein Haus bemalen, um durch die Lebendigkeit seiner Farben der Natur zu trotzen. Doch die einzigen Farben, die ihm geblieben waren, fanden sich in einigen großen  Aquarell-Farbkästen, die lange Zeit unbeachtet in einem Winkel des Ateliers gelegen hatten.
Als er aber beginnen wollte, überkamen den Künstler Zweifel, ob es ihm überhaupt möglich sei, sein Vorhaben zu verwirklichen.
Das größte Wagnis schien ihm, das Haus in die so leicht vergänglichen Aquarell-Farben zu kleiden. Jedoch ein Blick zum strahlend blauen Himmel zerstreute seine Ängste vor möglichen Regenfällen.
Auch andere Schwierigkeiten überwand der Maler. Manche Probleme lösten sich gar von selbst: So etwa die Frage, welche Themen er überhaupt auftragen sollte; denn er begann einfach zu malen.
Dies geschah aus der Hochstimmung, eine große Aufgabe bewältigen zu wollen, die sich ihm bislang noch nicht gestellt hatte. Und er ahnte, dass er sich an kein enges Thema zu halten brauchte, wenn er einfach seine Erfahrungen darstellen würde.
Er grundierte, legte Konturen an und malte. Er schlief nur noch kurze Zeit, um das Tageslicht so intensiv wie möglich für seine sorgfältige Arbeit auszunutzen. Und die Sonne schien lange im 'weiten Land'.
Kaum noch fand der Künstler Zeit, sich um seinen Garten und sein Feld zu kümmern - so sehr war er mit seiner Malerei beschäftigt.
Auf dem ehemals bleichen Mauerwerk entfaltete sich mit den Monaten und Jahren ein - aus der Nähe betrachtet - unüberschaubarer Reigen von Figuren, Landschaften und Kompositionen, die abstrakte Empfindungen verkörperten.
Demgegenüber fanden sich die einzelnen Episoden - aus der Fernen betrachtet - zu einem geordneten Ganzen zusammen, was selbst den Maler, der ja all das geschaffen hatte, erstaunte und nachdenklich stimmte.
Er war älter geworden, und noch immer zeigte sich nicht einmal die Hälfte der zur Verfügung stehenden Fläche bemalt.
Dadurch, dass er nun seinen Wünschen und Hoffnungen auf den Wänden Gestalt verlieh, war es dem Maler möglich, sich von seiner Persönlichkeit zu lösen und sein Selbst mit dem auf der Wand zu vergleichen. Durch diese Wechselbeziehung, in welcher er mit seinen Schöpfungen trat, wurde er angeregt, immer neue Formen und Gestalten hervorzubringen.
In den ersten Jahren dachte er nur selten an den Regen: Zu ungewohnt war diese Erscheinung im 'weiten Land'.
Später dann, als das Werk schon weiter fortgeschritten war, ertappte sich der Maler des öfteren dabei, wie sein Blick zum Himmel wanderte. Unruhe überfiel ihn, wenn sich nur die kleinste Wolke zeigte.
Als er etwa die Hälfte der Fläche bedeckt hatte, ging er in seiner Furcht gar so weit, dass er aus den Ästen der wenigen Bäume in der Umgebung Schutzdächer über den Wänden baute, um so den gefürchteten, alles vernichtenden Schauer abzuhalten. Aber es fiel kein Regen.
Haar und Bart des Malers waren inzwischen grau geworden. Auch bemerkte er, dass er nicht mehr mit der früheren Behändigkeit auf seinen Leitern und Gerüsten umhersteigen konnte.
Mehr als dreiviertel der Fläche war nun schon ausgefüllt und noch immer mangelte es dem Maler nicht an Ideen oder Willenskraft, sein Werk zu Ende zu bringen.
Die Angst vor dem Regen war mit jenen Schutzdächern gestorben, die ihren Zweck nicht erfüllt hatten, langsam verrotteten, abbrachen und von da an am Fuß des Mauerwerks unbeachtet liegen blieben.
Der Maler wusste nun, dass er sein Lebenswerk vollenden konnte. Mit fast demselben Eifer, der ihn einst als jungen Mann beflügelt hatte, stürzte er sich noch einmal in seine Arbeit.
Endlich nahte der Tag, an dem der letzte Flecken Grau verschwinden sollte.
Liebevoll führte der alte Mann mit zitternder Hand den Pinsel. Zärtlich glitt sein Blick über die Fassade, den Giebel und die Gesimse. Er verharrte da und dort, in der Erinnerung an die Zeit, in welcher diese oder jene Darstellung entstanden war. Zufriedenheit erfüllte den Greis. Und Stolz, wie ihn ein Vater empfindet, dessen Sohn es 'zu etwas gebracht hatte'.
Lag es am schwinden Augenlicht oder hatte der Alte die Umwelt vollkommen vergessen? Er merkte nicht, wie sich fern am Horizont dunkle Wolken zusammenballten und unaufhaltsam näher trieben.
Der letzte Strich war gezogen und erst jetzt fühlte der alte Maler, wie erschöpft er war. Vorsichtig stieg er die Leiter herab und legte sie auf den Erdboden. Dann wandte er sich um und gewahrte das drohende Unwetter, welches mit Windeseile heranzog.
Zunächst spürte er in sich die Erinnerung an längst vergangene Ängste wachwerden. Doch dann wanderte ein Schimmer Erkenntnis über sein faltiges Gesicht. Er ging ein Stück des Weges und setzte sich dann so auf einen Baustumpf, dass er das Ergebnis seiner jahrelangen Arbeit genau beobachten konnte - gerade, als die ersten Tropfen den Boden netzten . Bald prasselten heftige Regengüsse auf das Haus und in dicken Strömen rann die aufgelöste Farbe an den Wänden herab.
So rasch, wie das Unwetter gekommen war, verzog es sich auch wieder.
Die ganze Zeit über hatte der alte Mann mit verstehendem Lächeln da gesessen. Als sich die letzte Wolke aufgelöst hatte und die Sonne das blankgewaschene Haus erstrahlen ließ stand der Alte auf und ging fort, ohne den Blick noch einmal zurückzuwenden.
Jürgen Stiller

Aus: "Die Farben der Wirklichkeit - ein Märchenbuch"
lucy körner verlag

Montag, 20. September 2010

Suchen und Finden - Werden und Sein

Wenn sich meine Gedanken im Kreis drehen und ich partout nicht abschalten kann, kommen mir Bücher wie z.B. "Hühnersuppe für die Seele", Märchen, phantastische Erzählungen zu Hilfe. Oft geschieht es dann, dass ich eine Geschichte - vielleicht zum wiederholten Male - lese und ich spüre regelrecht, wie das "Brett vor meinem Kopf" weggesprengt wird. So etwa erging es mit heute mit folgender Geschichte. Sie beschreibt - wie ich denke - sehr gut, dass man sich selbst im Weg stehen kann und worauf beim Frage- und Antwortspiel zu achten ist. Doch lesen Sie selbst. Vielleicht machen sie ähnliche Erfahrungen.

Himmel und Hölle
von Roland Kübler

Zu einem der letzten Weisen kam ein einsamer Wanderer, um sich Rat zu erbitten.
"Ehrwürdiger", sprach er, "ich bin lange gereist und habe viele Länder dieser Erde gesehen. Immer war ich auf der Suche nach Wichtigem. Ich wollte alles ganz genau wissen, habe viel erfahren und entdeckt. Heute komme ich zu Euch, weil ich die Antwort auf eine Frage nicht finden konnte. Vielleicht könnt Ihr mir helfen."
"Du solltest fragen, wenn du etwas wissen willst", erwiderte der Weise und lächelte.

Freitag, 17. September 2010

Die große Wegkreuzung

von Roland Kübler

Seit unendlichen Zeiten zieht die Erde ihre Bahn um die Sonne, empfängt Wärme und Licht. Und der Mond umkreist die Erde, spendet seine silbernen Strahlen, hebt und senkt die Meere. Hoch oben in den Bergen wuchs ein Kind auf. Spielte sich in klarer Luft und auf sattgrünen Wiesen zur jungen Frau. Packte eines Tages ihr kleines Bündel und sagte zu Vater und Mutter, daß sie gehen wolle, um das Meer zu sehen. Denn während ihrer ganzen Jugend hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als einmal im Leben ihren Körper in das schäumende Meerwasser legen und auf den Lippen den salzig frischen Atem des Meeres spüren zu können. 

Die junge Frau ging den vertrauten Weg hinab ins Tal. Aber sie hielt nicht in jenem kleinen Dorf, in dem sie immer ihre Milch verkauft hatte. Sie hielt auch nicht bei der kleinen Sennerhütte, wo sie als Kind jedesmal einige Süßigkeiten und eine kalte, schaumig-gerührte Buttermilch bekommen hatte. Sie ging weiter. Weiter als sie je gegangen war an der Hand ihres Vaters. Sie ging, weil sie ein Ziel hatte. Sie wollte ihren Körper im schäumenden Meer baden und den salzig frischen Atem dieser endlosen Weite auf den Lippen spüren. Und so begleitete sie die kleinen Bergbäche, die aufgeregt über die Steine sprangen, suchte sich ihren Weg vorbei an wiederkäuenden Kühen hinunter ins Tal. Viele Menschen traf sie auf ihrem langen Weg. Oft wurde sie eingeladen, doch ein wenig auszuruhen und manchmal wurde ihr auch abgeraten weiter zu gehen. Der Weg zum Meer sei weit und beschwerlich, wurde ihr gesagt. Aber sie ließ sich nicht beirren. Sie nahm die Gastlichkeit dankbar an und ging weiter den Weg, den sie für sich gewählt hatte, weiter auf dem Weg, der sie zum Meer führen sollte.

Eines Tages, sie war schon sehr müde, kam sie an eine große Wegkreuzung. Der Weg, dem sie bisher gefolgt war, gabelte sich vor einem großen Gebirge in vier Pfade, von denen zwei links und zwei rechts um die Berge herumzuführen schienen. Die junge Frau wußte nicht weiter und setzte sich mitten auf die Kreuzung, um zu rasten, Brot zu essen und Wein zu trinken. So saß sie lange Zeit auf der Erde und konnte sich für keinen der vier Wege entscheiden. Jeder schien ihr ungewiß.

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Das Hemd der Zufriedenheit

Es war einmal ein reicher König, dem machte das Regieren so viele Sorgen, dass er darum nicht schlafen konnte die ganze Nacht. Das ward ihm zuletzt so unerträglich, dass er seine Räte zusammenberief und ihnen sein Leid klagte. Es war aber darunter ein alter erfahrener Mann, der erhob sich, da er vernommen hatte, wie es um den König stand, von seinem Stuhle und sprach: "Es gibt nur ein Mittel, dass wieder Schlaf in des Königs Augen kommt, aber es wird schwer zu erlangen sein; so nämlich dem Könige das Hemd eines zufriedenen Menschen geschafft werden könnte und er das beständig auf seinem Leibe trüge, so halte ich dafür, dass ihm sicherlich geholfen wäre." Da das der König vernahm, beschloss er, dem Rate des klugen Mannes zu folgen und wählte eine Anzahl verständiger Männer, die sollten das Reich durchwandern und schauen, ob sie nicht ein Hemd finden könnten, wie es dem Könige Not tat. Die Männer zogen aus und gingen zuerst in die schönen volkreichen Städte, weil sie gedachten, dass sie da wohl am ehesten zu ihrem Zwecke kämen; aber vergebens war ihr Fragen von Haus zu Haus nach einem zufriedenen Menschen; dem einen gebrach dies, dem anderen das; so mochte sich keiner zufrieden nennen. Da sprachen die Männer untereinander: "Hier in der Stadt finden wir doch nimmer, wonach wir suchen; darum so wollen wir jetztunter auf das Land hinausgehen, da wird die Zufriedenheit wohl noch zu Hause sein", sprachen's, ließen die Stadt mit ihrem Gewühle hinter sich und gingen den Weg durch das wallende Korn dem Dorfe zu. Sie fragten von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte, sie gingen in das nächste Dorf und weiter von da, sie kehrten bei Armen und bei Reichen ein, aber keinen fanden sie, der ganz zufrieden war. Da kehrten die Männer traurig wieder um und begaben sich auf den Heimweg. Wie sie nun so in sorgenden Gedanken vertieft über eine Flur dahinwandelten, trafen sie auf einen Schweinehirten, der da gemächlich bei seiner Herde lag; indem so kam auch des Hirten Frau, trug auf ihren Armen ein Kind und brachte ihrem Manne das Morgenbrot. Der Hirt setzte sich vergnüglich zum Essen, verzehrte was ihm gebracht war, und nachdem so spielte er mit seinem Kinde. Das sahen die Männer des Königs mit Erstaunen, traten herzu und fragten den Mann: wie es käme, dass er so vergnügt wäre und hätte doch nur ein so geringes Auskommen. "Meine lieben Herren", sprach der Sauhirt, "das kommt daher, weil ich mit dem, was ich habe, zufrieden bin." Da freuten sich die Männer höchlich, dass sie endlich einen zufriedenen Menschen gefunden hatten, und erzählten ihm, in welcher Sache sie von dem Könige wären ausgesandt worden, und baten ihn, dass er ihnen möchte für Geld und gute Worte ein Hemd von seinem Leibe geben. Der Sauhirt lächelte und sprach: "So gern ich Euch, meine lieben Herren, in Eurem Anliegen möchte zu Willen sein, so ist es mir doch nicht möglich; denn Zufriedenheit habe ich wohl, aber kein Hemd am Leibe." Als das die Männer vernahmen, erschraken sie und gaben nun ganz die Hoffnung auf, ein Hemd zu finden, wie es dem Könige Not tat. Betrübt und mit gesenkten Blicken traten sie wieder vor ihren Herrn und berichteten ihm, wie all ihr Suchen und Fragen sei vergeblich gewesen; sie hätten manchen gefunden, der wohl ein Hemd gehabt hätte, aber keine Zufriedenheit, und endlich hätten sie einen angetroffen, der wäre freilich zufrieden gewesen, aber leider hätte er kein Hemd gehabt.
So musste denn der König seine Sorgen ferner tragen und voll Unruhe oft nächtelang auf seinem Bette liegen, ohne dass Schlaf in seine Augen kam, und konnte ihm nicht geholfen werden.
(Wilhelm Busch)

Quelle: http://www.zeno.org/ - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH


Beim Lesen dieses Märchens fiel mir spontan die Werbung für Merz Spezialdragees ein: "Natürliche Schönheit kommt von innen".
Zufriedenen Menschen haben die Gelassenheit, alles das hinzunehmen, was nicht zu ändern ist, die Kraft zu ändern, was nicht länger zu ertragen ist und die Weisheit das eine vom anderen zu unterscheiden.
Zufriedenheit kennt ihren Wert. Dies ist meine feste Überzeugung.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Der beinlose Fuchs und der Tiger

Vor langer Zeit, da sah ein Mann im Wald einen Fuchs, der alle vier Beine verloren hatte. Und er wunderte sich, dass das Tier, das keine Beute mehr jagen konnte, noch lebte. Doch dann erblickte er einen Tiger, der Wild gerissen hatte. Nachdem er sich sattgefressen hatte, überließ er den Rest seiner Beute dem beinlosen Fuchs. Anderntags ernährte Gott den Fuchs abermals mit Hilfe des Tigers. Der Mann war erstaunt über die Güte und Sorge Gottes gegenüber dem beinlosen Fuchs. Bei sich sagte er: "Auch ich werde mich in einer gemütlichen Ecke ausruhen und den Herrn für mich sorgen lassen. Wenn ich nur Vertrauen habe, wird er mir schon das Nötige geben." Viele Tage vergingen, aber es geschah nichts und der Mann saß immer noch in seiner Ecke. Er war dem Hungertod nahe. Da vernahm er eine Stimme: "Du bist auf dem falschen Weg. Folge dem Beispiel des Tigers und nimm dir nicht den behinderten Fuchs zum Vorbild!"
Später traf der Mann auf der Straße ein kleines frierendes Mädchen. Sie zitterte in ihrem dünnen Kleid und hatte schon lange nichts mehr zu essen bekommen. Da wurde er zornig und beklagte sich bei Gott: "Wie kannst du das zulassen? Den Fuchs erhältst du am Leben, aber dieses kleine Mädchen läßt du hungern und frieren. Warum tust du nichts dagegen?"
Eine Weile sagte Gott nichts. Doch in der Nacht antwortete Gott dem Mann: "Ich habe etwas dagegen unternommen, ich habe dich geschaffen!"

(Nach einer arabischen Legende!)

Wäre die Welt ein freundlicherer Ort, wenn die Menschen mehr Märchen lesen würden?

Dienstag, 10. November 2009

Wie es weiterging

von Bruno Streibel und Heinz Körner
(aus: Die Farben der Wirklichkeit - Ein Märchenbuch - lucy körner verlag, 7012 Fellbach 1983)

In dieser Nacht war das kleine Mädchen sehr unruhig. Immer wieder dachte es an den traurigen Baum und schlief schließlich erst ein, als bereits der Morgen zu dämmern begann.
Natürlich verschlief das Mädchen an diesem Morgen. Als es endlich aufgestanden war, wirkte sein Gesicht blass und stumpf.
"Hast du etwas Schlimmes geträumt?", fragte der Vater.
Das Mädchen schwieg, schüttelte dann den Kopf.
Auch die Mutter war besorgt: "Was ist mit dir?"
Und da brach schließlich doch all der Kummer aus dem Mädchen. Von Tränen überströmt stammelte es: "Der Baum! Er ist so schrecklich traurig. Darüber bin ich so traurig. Ich kann das einfach nicht verstehen."
Der Vater nahm die Kleine behutsam in seine Arme, ließ sie in Ruhe ausweinen und streichelte sie nur liebevoll. Dabei wurde ihr Schluchzen nach und nach leiser und die Traurigkeit verlor sich allmählich. Plötzlich leuchteten die Augen des Mädchens auf, und ohne dass die Eltern etwas begriffen, war es aus dem Haus gerannt.
Wenn ich traurig bin und es vergeht, sobald mich jemand streichelt und in die Arme nimmt, geht es dem Baum vielleicht ähnlich - so dachte das Mädchen. Und als es ein wenig atemlos vor dem Baum stand, wusste es auf einmal, was zu tun war. Scheu blickte die Kleine um sich. Als sie niemanden in der Nähe entdeckte, strich sie zärtlich mit den Händen über die Rinde des Baumes. Leise flüsterte sie dabei: "Ich mag dich, Baum. Ich halte zu dir. Gib nicht auf, mein Baum!"
Nach einer Weile rannte sie wieder los, weil sie ja zur Schule musste. Es machte ihr nichts aus, dass sie zu spät kam, denn sie hatte ein Geheimnis und eine Hoffnung.
Der Baum hatte zuerst gar nicht bemerkt, dass ihn jemand berührte. Er konnte nicht glauben, dass das Streicheln und die Worte ihm galten - und auf einmal war er ganz verblüfft und es wurde sehr still in ihm.
Als das Mädchen wieder fort war, wusste er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dann schüttelte er seine Krone leicht im Wind, vielleicht etwas zu heftig, und sagte zu sich, dass er wohl geträumt haben müsse. Oder vielleicht doch nicht? In einem kleinen Winkel seines Baumherzens hoffte er, dass es kein Traum gewesen war.
Auf dem Heimweg von der Schule war das Mädchen nicht allein. Trotzdem ging es dicht an dem Baum vorbei, streichelte ihn im Vorübergehen und sagte leise: "Ich mag dich und ich komm bald wieder." Da begann der Baum zu glauben, dass er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames Gefühl regte sich in einem kleinen Ast.
Die Mutter wunderte sich, dass ihre Tochter auf einmal so gerne einkaufen ging. Auf alle Fragen der Eltern lächelte die Kleine nur und behielt ihr Geheimnis für sich. Immer wieder sprach das Mädchen nun mit dem Baum, umarmte ihn machmal, streichelte ihn oft. Er verhielt sich still, rührte sich nicht. Aber in seinem Innern begann sich etwas immer stärker zu regen. Wer ihn genau beobachtete, konnte sehen, dass seine Rinde ganz langsam eine freundlichere Farbe bekam. Das Mädchen jedenfalls bemerkte es und freute sich sehr.
Der Gärtner und seine Frau, die den Baum ja vor vielen Jahren gepflanzt hatten, lebten regelmäßig und ordentlich, aber auch freudlos und stumpf vor sich hin. Sie wurden älter, zogen sich zurück und waren oft einsam. Den Baum hatten sie so nach und nach vergessen, ebenso wie sie vergessen hatten, was Lachen und Freude ist - und Leben.
Eines Tages bemerkten sie, dass manchmal ein kleines Mädchen mit dem Baum zu reden schien. Zuerst hielten sie es einfach für eine Kinderei, aber mit der Zeit wurden sie doch etwas neugierig. Schließlich nahmen sie sich vor, bei Gelegenheit einfach zu fragen, was das denn soll. Und so geschah es dann auch.
Das Mädchen erschrak, wusste nicht so recht, wie es sich verhalten sollte. Einfach davonlaufen wollte es nicht, aber erzählen, was wirklich war - das traute es sich nicht.
Endlich gab die Kleine sich einen Ruck, dachte: "Warum eigentlich nicht?" und erzählte die Wahrheit. Der Gärtner und seine Frau mussten ein wenig lachen, waren aber auf eine seltsame Weise unsicher, ohne zu wissen, warum. Ganz schnell gingen sie wieder ins Haus und versicherten sich gegenseitig, dass das kleine Mädchen wohl ein wenig verrückt sein müsse.
Aber die Geschichte ließ sie nicht mehr los. Ein paar Tage später waren sie wie zufällig in der Nähe des Baumes, als das Mädchen wiederkam. Dieses Mal fragte es die Gärtnersleute, warum sie denn den Baum so zurechtgestutzt haben. Zuerst waren sie empört, konnten aber nicht leugnen, dass der Baum in den letzten Wochen ein freundlicheres Aussehen bekommen hatte. Sie wurden sehr nachdenklich.
Die Frau des Gärtners fragte schließlich: "Meinst du, dass es falsch war, was wir getan haben?"
"Ich weiß nur", antwortete das Mädchen, "dass der Baum traurig ist. Und ich finde, dass das nicht sein muss. Oder wollt ihr einen traurigen Baum?"
"Nein!" rief der Gärtner. "Natürlich nicht. Doch was bisher gut und recht war, ist ja wohl auch heute noch richtig, auch für diesen Baum." Und die Gärtnersfrau fügte hinzu: "Wir haben es doch nur gut gemeint."
"Ja, das glaube ich", sagte das Mädchen, "ihr habt es sicher gut gemeint und dabei den Baum sehr traurig gemacht. Schaut ihn doch einmal genau an!" Und dann ließ sie die beiden alten Leute allein und ging ruhig davon mit dem sicheren Gefühl, dass nicht nur der Baum Liebe brauchen würde.
Der Gärtner und seine Frau dachten noch sehr lange über dieses seltsame Mädchen und das Gespräch nach. Immer wieder blickten sie verstohlen zu dem Baum, standen oft vor ihm, um ihn genau zu betrachten. Und eines Tages sahen auch sie, dass der Baum zu oft beschnitten worden war. Sie hatten zwar nicht den Mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu reden. Aber sie beschlossen, ihn wachsen zu lassen, wie er es wollte.
Das Mädchen und die beiden alten Leute sprachen oft miteinander - über dies oder das und manchmal über den Baum. Gemeinsam erlebten sie, wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. Voller Lebensfreude wuchs er schief nach unten, als wolle er zu erst einmal sein Glieder räkeln und strecken. Dann wuchs er in die Breite, als wolle er die ganze Welt in seine Arme schließen, und in die Höhe, um allen zu zeigen, wie glücklich er sich fühlt. Auch wenn der Gärtner und seine Frau es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit stiller Freude, dass das Mädchen den Baum für alles lobte, was sich an ihm entfalten und wachsen wollte.
Voll Freude beobachtete das Mädchen, dass es dem Gärtner und seiner Frau beinahe so ähnlich erging wie dem Baum. Sie wirkten lebendiger und jünger, fanden das Lachen und die Freude wieder und stellten eines Tages fest, dass sie wohl manches im Leben falsch gemacht hatten. Auch wenn das jetzt nicht mehr zu ändern wäre, so wollten sie wenigstens den Rest ihres Lebens anders gestalten. Sie sagten auch, dass sie Gott wohl ein wenig falsch verstanden hätten, denn Gott sei schließlich Leben, Liebe und Freude und kein Gefängnis. So blühten gemeinsam mit dem Baum zwei alte Menschen zu neuem Leben auf.
Es gab keinen Garten weit und breit, in welchem ein solch schief und wild und fröhlich gewachsener Baum stand. Oft wurde er jetzt von Vorübergehenden bewundert, was der Gärtner, seine Frau und das Mädchen mit stillem, vergnügtem Lächeln beobachteten. Am meisten freute sie, dass der Baum all denen Mut zum Leben machte, die ihn wahrnahmen und bewunderten.
Diesen Menschen blickte der Baum noch lange nach - oft bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. Und manmal begann er dann, so dass es sogar einige Menschen spüren konnten, tief in seinem Herzen glücklich zu lachen.

(Bruno Streibel, Gemeindepfarrer im Stuttgarter Westen, geboren 1942: "Die Zeit, in der ich gelebt wurde, endete vor acht Jahren, als ich zum ersten Mal bewusst ICH sagte. Alles, was dann kam, war Entfaltung und Leben und Lieben und Glauben lernen. Bei diesem Unterwegssein habe ich außer ein paar Menschen vor allem Träume und Märchen als Gefährten und Wegweiser schätzen gelernt. Und als ich Heinz Körners 'Ein Märchen' las, schrieb ich spontan eine Fortsetzung. Indessen sind noch andere Märchen in mir gewachsen. Märchen wollen weitergegeben und gelebt werden, damit wir uns nicht selbst verfehlen, damit das Unerwartete nicht ausgeschlossen wird und in uns die Melodie von Hoffnung und Freude nicht verstummt.")


Dem letzten Satz von Bruno Streibel stimme ich aus eigener Erfahrung uneingeschränkt zu.

Montag, 9. November 2009

Ein Märchen

von Heinz Körner
(aus: Heinz Körner, Die Farben der Wirklichkeit - Ein Märchenbuch -. lucy körner verlag, 7012 Fellbach 1983)


Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagte: "Komm, Frau, wir wollen einen Baum pflanzen." Die Frau antwortete: "Wenn du meinst, mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen." Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum.
Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste Grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten Mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüßte sie auf seine Weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön, auf der Welt zu sein und zu wachsen.
"Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "ist er nicht niedlich, unser Baum?" Und seine Frau antwortete: "Ja, lieber Mann, wie du schon sagtest: Ein schöner Baum!"
Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoss die warme feste Erde um seine Wurzeln und war glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf der Welt. So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere liebhaben.
Eines Tages merkte der Baum, dass es besonders schön war, ein wenig nach links zu wachsen, denn von dort schien die Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links.
"Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten? Ausgerechnet unser Baum! Gott hat die Bäume nicht erschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr, Frau?" Seine Frau gab ihm natürlich recht. "Du bist eine kluge und gottesfürchtige Frau", meinte daraufhin der Gärtner. "Hol also unser Schere, denn wir wollen unseren Baum gerade schneiden."
Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. Und sie sagten, dass ein richtiger Baum gerade wachsen müsse. Und Gott es nicht gerne sähe, wenn er schief wachse. Also musste es wohl stimmen. Er wuchs nicht mehr der Sonne entgegen.
"Ist er nicht brav, unser Baum?", fragte der Gärtner seine Frau. "Sicher, lieber Mann, antwortete sie, "du hast wie immer recht. Unser Baum ist ein braver Baum."
Der Baum begann zu verstehen. Wenn er machte, was ihm Spaß und Freude bereitete, dann war er anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab darauf acht, nicht mehr schief zu wachsen.
"Sieh dir das an", sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau, "unser Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum?" Seine Frau antwortete: "Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, dass Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, dass Bäume bescheiden sein müssten, ihre wachsen auch schön langsam." Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, dass sie etwas von Bäumen verstehe. Und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.
Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab, die dem Gärtner und seiner Frau nicht gefielen? Und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spaß machte?
"Schau her, Frau", sagte der Gärtner, "wir können stolz sein auf unseren Baum". Und seine Frau gab ihm wie immer recht.
Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen, wohin sie damit kommen. Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen, Freude haben und Freude bereiten. In seinem Innern spürte er ganz genau, dass es richtig war, zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.
"Das ist doch nicht zu fassen". Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau: "Stell dir vor, unser Baum wächst einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja geradezu Spaß zu machen. So etwas können wir auf keinen Fall dulden!" Und seine Frau pflichtete ihm bei: "Das können wir nicht zulassen. Dann müssen wir ihn eben wieder zurecht stutzen."
Der Baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Er hörte auf zu wachsen. Ihm machte das Leben keine rechte Freude mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum.
Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater am Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden, der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden.
Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. "Papa findest du nicht auch, dass der Baum hier ein bisschen traurig aussieht?" fragte es.
"Ich weiß nicht", sagte der Vater. "Als ich so klein war wie du, konnte ich auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig ist. Aber heute sehe ich das nicht mehr."
"Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus." Das kleine Mädchen sah den Baum mitfühlend an. "Den hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig."
"Vielleicht", antwortete der Vater versonnen. "Aber wer kann schon wachsen wie er will?"
"Warum denn nicht?", fragte das Mädchen. "Wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch wachsen lassen, wie er selber will. Oder nicht? Er tut doch niemandem etwas zuleide."
Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er: "Weißt du, keiner darf so wachsen wie er will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten."
"Das verstehe ich nicht, Papa!"
"Sicher, Kind, das kannst du noch nicht verstehen. Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. Auch du durftest nicht."
"Aber warum denn nicht, Papa? Du hast mich doch lieb und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?"
Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. "Ja", sagte er dann, "sicher haben wir dich lieb."
Sie gingen langsam weiter und das kleine Mädchen dachte noch lange über dieses Gespräch und den traurigen Baum nach. Der Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lang nach. Er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum. Und er begann hemmungslos zu weinen.


Dieses Märchen liebe ich ganz besonders. Es ist für mich wie ein Haus mit unzähligen Räumen. Oft, wenn mir etwas unklar ist oder ich mal wieder was nicht so richtig verstehen und einordnen kann, fällt mir diese Geschichte ein. Dann lese ich sie - als hätte ich sie noch nie gelesen - und es öffnet sich meist eine neue Tür, durch die ich dann gehe und neu begreifen lerne.....

Freitag, 16. Oktober 2009

Arme Leute

Eines Tages nahm ein Mann seinen Sohn mit aufs Land, um ihm zu zeigen, wie arme Leute leben. Vater und Sohn verbrachten einen Tag und eine Nacht auf einer Farm einer sehr armen Familie.
Als sie wieder zurückkehrten fragte der Vater seinen Sohn: "Wie war dieser Ausflug?" "Sehr interessant!" antwortete der Sohn.
"Und hast du gesehen, wie arm Menschen sein können?" "Oh ja Vater, das habe ich gesehen."
"Was hast du also gelernt?" fragte der Vater. Und der Sohn antwortete: "Ich habe gesehen, dass wir einen Hund haben, und die Leute auf der Farm haben vier. Wir haben einen Swimmingpool, der bis zur Mitte unseres Gartens reicht, und sie haben einen See, der gar nicht mehr aufhört. Wir haben prächtige Lampen in unserem Garten und sie haben die Sterne. Unsere Terrasse reicht bis zum Vorgarten und sie haben den ganzen Horizont."
Der Vater war sprachlos.
Und der Sohn fügte noch hinzu: "Danke Vater, dass du mir gezeigt hast, wie arm wie sind."

(Quelle: Dr. Philip E. Humbert, The Innovative Professional's Letter, frei übersetzt und leicht geändert)

Aus Matrix 3000, September 2005

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Heute mal wieder ein Märchen

Reichtum ist Verstand

Es gab einen Mann, der sehr verständig war und immer das Rechte zu treffen wusste, wenn man sich in der Gemeinde über etwas beriet. Weil er aber sehr arm war, galt es für Torheit, was er sagte, und man hörte nicht auf ihn. Eines Tages dachte er, er müsse erst reich sein, damit seine Stimme in der Gemeinde Geltung haben würde. Er sagte es seiner Frau, und sie war damit zufrieden. So zog er fort und verdingte sich bei einem großen Herrn als treuer Ziegenhirt. Nach 20 Jahren wünschte er, nach Hause zu gehen. Der Herr hatte nichts dagegen, ließ einen Bock schlachten und dessen Fell mit Goldstücken anfüllen. Mitsamt einem Pferd gab er dies dem Hirten und sprach: "Das ist für deine treuen Dienste. Aber noch eines rate ich dir: Bist du heim gekommen, lasse deinen Zorn drei Mal abkühlen, ehe du etwas tust!" Der Mann zog fort, und in seinem Dorf angelangt, dauerte es nicht lange, bis er seine Frau sah. Sie kam mit einem jungen Mann nach Hause. Heftiger Zorn ergriff ihn, aber er dachte an die Worte seines Herrn. Abends sah er durch das Fenster seines Hauses, und seine Frau aß mit dem jungen Mann, und beide waren froh. Sein Zorn stieg, und er wollte gleich - aber der Rat fiel ihm ein. Am Morgen hörte er Leute sprechen: "Heute gibt es also Hochzeit..." Der Mann bezog dies auf seine Frau, und die Galle stieg ihm aufs Höchste: Er wollte sie auf der Stelle erschießen. Wieder fiel ihm der Tat ein, und so wollte er ihr erst das Unrecht vorhalten und sie dann bestrafen.

Er ging hin, seine Frau ließ ihn ein und erkannte ihn nicht. Voller Freude ob des schönen Tagbes lud sie ihn ein, zu bleiben, da sie ihrem Sohn heute die Hochzeit gebe. Nichts fehlte ihr zu ihrem Glück, als dass ihr guter Mann nicht da sei. Von dem habe sie seit 20 Jahren nichts gehört, sagte sie weinend. Der Mann stand wie eine Bildsäule und schämte sich zutiefst. Er hatte übel gedacht und sogar seinen Sohn vergessen. Endlich gab er sich zu erkennen. und sie waren sehr glücklich.

Der Man wurde wegen seines Reichtums bald bekannt und angesehen, und was immer er sagte, fand Glauben. Selbst wenn er log, er habe abends seine Ackereisen ins Stroh gelegt, und siehe da, bis zum Morgen hätten die Mäuse sie gefressen. zweifelte niemand daran, und er ärgerte sich: "Als ich die Wahrheit sagte, glaubte man mir nicht, weil ich arm war. Jetzt zweifelt niemand an mir, weil ich reich bin."

Josef Haltrich (leicht geändert und gekürzt)

Aus Matrix 3000, Januar 2006

Sonntag, 2. August 2009

Die Suche nach dem Sinn des Lebens

Eines Tages, die Sonne war gerade erst aufgegangen und der junge Mann hatte wieder einmal die ganze Nacht in Gedanken zugebracht, faste er den Entschluss, sein Leben zu erkunden.
Er wollte den Sinn des Lebens finden und machte sich auf den Weg. Stunden war er schon gegangen, die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel, da kam er in eine Stadt. Die Menschen, denen er begegnete, schienen alle sehr traurig zu sein. Es gab keinen einzigen, der fröhlich war und lächelte. Da sprach der junge Mann eine Frau an, die gerade dabei war, die Straße vorm Haus zu fegen: "Weshalb sehen alle Leute in eurer Stadt so traurig aus?"
"Ach", seufze die Frau, "vor Jahren zog ein Wanderer durch unsere Stadt und hat uns unermesslichen Reichtum versprochen, wenn wir ein Jahr lang nicht lachen würden. Alle waren wir damals so gierig, daß wir uns darauf eingelassen haben. Doch nachdem das Jahr vergangen war, war von den versprochenen Schätzen nichts zu sehen, aber wir alle hatten verlernt zu lachen. Seitdem sind viele Wanderer durch unsere Stadt gekommen, und wir haben sie gebeten, uns ein Lächeln zu schenken, doch alle hatten Angst, auch ihr Lachen könne für immer verlorengehen, und zogen schnell weiter."
"Ich will es besser machen als meine Vorgänger, denn wenn ich mit meinem Lächeln euch allen das Lachen zurückgeben kann, so kann mein Lachen gar nicht verlorengehen - es strahlt mir in euren Gesichtern ja hundertfach zurück. Ich wäre glücklich, wenn ich euch helfen dürfte"- sagte der junge Mann und lächelte die Frau an.
Und vor Freude begannen die Augen der Frau zu strahlen, und ihre Mundwinkel bewegten sich langsam nach oben. In den Augen des jungen Mannes sah sie ihr lächelndes Spiegelbild. Von Freude übermannt, begann sie lauthals zu lachen, und alsbald war die Straße zum Treffpunkt aller Bewohner der Stadt geworden, und einer schenkte dem anderen das wiedergewonnene Lächeln. Doch als sie dem Jüngling danken wollten, stellten sie fest, dass er nicht mehr da war.
Er hatte ein Weilchen zugesehen und sich am Glück der Menschen erfreut, dann war er weitergezogen. Hier gab es für ihn nichts mehr zu tun, und er wollte ja den Sinn des Lebens finden, also hatte er sich wieder auf den Weg gemacht.

Langsam zog die Abenddämmerung herauf. Es war an der Zeit, sich nach einem Lager für die Nacht umzusehen. In einiger Entfernung sah er die hell erleuchteten Fenster eines Bauernhauses. Rasch lenkte er seine Schritte in diese Richtung.
Noch bevor er das Haus erreichte, schlug der große, schwarze Hund an, der im Hof festgebunden war. Die Tür öffnete sich, und der Bauer trat heraus, um zu sehen, weshalb sein Hund zu bellen begonnen hatte.
Der junge Mann begrüßte den Bauern freundlich und trug sein Anliegen vor. "Freilich kannst du hier übernachten", antwortete der Bauer. "Du musst halt mit der Scheune vorlieb nehmen, aber im Heu hast du`s warm."
Der Bauer bat ihn einzutreten, und ohne dass er darum bitten musste, teilte dieser sein Abendessen mit dem jungen Wanderer.
Als beide satt und zufrieden waren, stopfte der Bauer sein Pfeifchen und fragte den jungen Mann, was ihn in diese abgelegene Gegend verschlagen habe.
"Ich bin auf der Suche nach dem Sinn des Lebens", antwortete der junge Mann. "Ich glaube, wer den Sinn des Lebens gefunden hat, ist glücklich und zufrieden. Ich habe mich immer so leer gefühlt, und in mir brannte eine unbändige Sehnsucht nach Glück, Wissen und der Einheit mit dem Universum. Ich glaube, diese kann man nur erfüllen, wenn man den Sinn des Lebens erkannt hat. Also haben ich mich auf den Weg gemacht, um Erfahrungen zu sammeln, und hoffe, dass mir das bei meiner Suche weiterhilft."
"Junger Mann", sagte der Bauer, "Wenn du dich mit solchen Gedanken trägst, dann lass mich dir eine Geschichte erzählen, die mir vor Jahren ein alter Mann berichtete, den ich für einen Weisen halte:

In einem fernen Land lebte schon seit über tausend Jahren eine Schildkröte. Tagein, tagaus hatte sie bisher nur geschlafen, gefressen und war ein paar Meter gekrochen. Nach tausend Jahren Alltagseinerlei wollte die Schildkröte nicht mehr weiterleben wie bisher. Alles erschien ihr so sinnlos. Sie wollte keine Schildkröte mehr sein, die schwer an ihrem Panzer zu tragen hat, sie wollte sich schnell vorwärtsbewegen können und etwas von der Welt sehen. Deshalb versuchte sie, sich von ihrem Panzer zu befreien. Den ganzen Vormittag über bemühte sie sich vergebens, aus ihrem Panzer herauszuschlüpfen. Erschöpft machte sie eine Pause, als einer ihrer Freunde herankroch. ´Guten Tag` sagte dieser freundlich. ´Ich habe dir schon ein Weilchen zugesehen. Was machst du denn da?`
´Ich versuche, mich meines Panzers zu entledigen, weil er nur stört und mich daran hindert, die Welt zu sehen. Du weißt ja selbst, wie langsam wir mit diesem Ding vorankommen`, antwortete die alte Schildkröte.
´Wenn du meinst! Vielleicht kann ich dir helfen. Freunde sollten einander immer helfen. Ich werde deinen Panzer hinten festhalten, und du versuchst, dich vorne hinauszuzwängen.`
Und tatsächlich, gemeinsam schafften sie es, die alte Schildkröte war aus ihrem Panzer geschlüpft. Ganz fremd erschien sie nun ihrem Freunde.
Doch sie war begeistert. ´Nun steht mir die Welt offen!` rief sie fröhlich aus.
´Was wirst du nun tun?`fragte ihr Freund.
´Ich werde mir die Welt ansehen. Willst du nicht mitkommen? Ich helfe dir auch aus deinem Panzer!`
´Ach nein, ich warte lieber hier auf dich und bewache deinen Panzer. Wenn du wiederkommst, kannst du mir ja alles berichten.`
Da umarmte die Schildkröte ihren Freund herzlich, verabschiedete sich, und so schnell wie noch nie in ihrem Leben machte sie sich auf.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es war Mittag, als der Schildkröte schmerzlich bewusst wurde, wie sehr sie ihren Panzer brauchte, denn ungeschützt, wie sie war, brannte ihr die Sonne fürchterlich auf den Rücken. Die ersten Brandblasen bildeten sich.
Bitter war der Geschmack der Erkenntnis. Langsam rannen aus ihren Augen die dicken Tränen des Schmerzes und der Trauer. Mit Mühe erreichte sie den Schatten eines Gebüsches, und erschöpft schlief sie dort ein.
Als sie erwachte, sah sie eine Schildkröte neben sich, die noch viel älter als sie selbst zu sein schien. Diese kühlte ihr die Brandwunden mit feuchten Blättern. Die Schildkröte wollte gerade dazu ansetzen, ihre Blöße zu erklären, als ihre Pflegerin den Kopf schüttelte und sagte: ´Ich weiß! aber du hast einen Fehler gemacht. Nicht außen musst du etwas ändern, um neue Wege zu beschreiten, sondern innen, in dir, deine Einstellung zum Leben.`
´Wie kannst du das wissen?` fragte die Schildkröte erstaunt.
´Auch ich bin den schmerzhaften Weg der Erkenntnis gegangen, um zu erfahren, was ich dir eben gesagt habe. Nun ziehe ich langsam mit meinem Panzer durch die Welt und erzähle meine Geschichte, um Artgenossen den Weg zur Erkenntnis leichter zu machen. Dir bin ich ein bisschen spät begegnet, aber nicht zu spät. Als ich dich fand, kniete dein Freund in Verzweiflung neben dir und wusste nicht, wie er dir helfen sollte. Er muss dich sehr lieben, da er dir so weit gefolgt ist mit seinem schweren Panzer. Ich habe meine beiden Reisebegleiter mit ihm geschickt, um deinen Panzer zu holen. Sie müssen bald zurück sein.`
Die alte weise Schildkröte hatte kaum zu Ende gesprochen, da kamen die drei auch schon.
Voller Glück umarmten sich die beiden Freunde, und alle gemeinsam halfen der nackten Schildkröte in ihren Panzer zurück.
´Auch ich will es mir zur Aufgabe mache, mein Wissen an andere weiterzugeben, und vielleicht willst du mich als Partner auf meinem Weg begleiten?`fragte die Schildkröte ihren Freund.
´Ja, das werde ich tun. Wie ich bereits sagte, Freunde sollten einander immer helfen.`
Die beiden bedankten sich bei der weisen Schildkröte und ihren Begleitern.
´Innen, nicht außen!`betonte die weise Schildkröte noch einmal, und dann trennten sich ihre Wege.`

"Das waren die Worte des alten Mannes", sagte der Bauer, "und ich habe seit damals begonnen, meine Einstellung zum Leben zu ändern, und ich sage dir, den Sinn des Lebens kann man nur in sich selbst finden. Du musst deinem Leben seinen Sinn geben. Ich bring dich jetzt zu deinem Nachtlager in die Scheune.
Auch in dieser Nacht konnte der junge Mann nicht schlafen; er musste über die Geschichte nachdenken, die ihm der Bauer erzählt hatte.
Und als die ersten Sonnenstrahlen durch die Holzplatten in die Scheune fielen und seine Nase kitzelten, lächelte der jung Mann - nun musste er nicht mehr weitergehen, den Sinn des Lebens würde er in sich finden, egal wo er war. Er würde sich wieder auf den Heimweg begeben.
Als er die Scheune verließ, stellte er fest, dass der Bauer schon weg war zur Feldarbeit.
Der junge Mann schlug denselben Weg ein, den er gekommen war, aber wie verändert schien ihm alles! Die Blumen blühten am Weg, weiße Wolken zogen am Himmel, die Vögel zwitscherten in den Bäumen. Wie blind war er doch durchs Leben gegangen! Überall im Gras krochen Käfer, und durch die Lüfte schwirrten Insekten, alles war voller Leben.
Er empfand eine tiefe Liebe in sich zu allen Lebewesen. Da erkannte er: Der Sinn des Lebens kann einzig die Liebe sein, sie verwandelt alles. Wer für alles Sein auf Erden Liebe empfindet, der hat Glück und Zufriedenheit in sich. Er wird seinem Leben Sinn geben, indem er seine Liebe verschenkt.
Liebe ist der einzige Schatz, der sich vermehrt, je mehr man davon hergibt!

Sonja Bruckner

Montag, 6. Juli 2009

Der Hahn und das vierblättrige Kleeblatt

Vor langer Zeit wurde einmal in Dingle ein großer Jahrmarkt abgehalten, und Leute von überall her kamen herbei. Unter dem Volk war auch ein Schausteller, der ließ einen Hahn die Straße hinauflaufen, und der Hahn zog hinter sich drein einen schweren Balken, der an seinem Bein festgebunden war. Jedenfalls meinten die Leute, dass es ein Balken sei, und alle rannten sie hinterdrein, straßauf, straßab, und zahlten jeder einen Penny, um dieses Wunder bestaunen zu dürfen. Da kam ein alter, kleiner Mann in die Stadt, der auf seinem Rücken eine Last Binsen trug. Er wunderte sich, warum all das Volk dem Schausteller mit seinem Hahn nachlief. Alles, was er sehen konnte, war nämlich ein Strohalm, den der Hahn hinter sich dreinzog. Er meinte, die Menschen müssten verrückt geworden sein, und fragte einige, um sich zu vergewissern, ob noch bei ihm im Kopf alles stimme. Sie antworteten: "Siehst du nicht das große Wunder? Siehst du nicht den gewaltigen, schweren Balken, den der Hahn hinter sich herschleppt?"

"Ach was", sagte der alte Mann unwirsch, "er zieht doch nur einen Strohhalm, was ist da schon weiter dabei."

Streit entstand. Das hörte der Schausteller und ging zu dem Alten hin. Er nahm ihn beiseite und fragte ihn, wie viel er für die Last Binsen auf seinem Rücken verlange.

Der alte Mann nannte eine Summe. Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht, wie hoch sie war, aber wie hoch sie auch immer gewesen sein mag, der Schausteller zahlte sie, mehr noch , er gab doppelt so viel, wie der alte Mann verlangt hatte.

Sobald der Schausteller ihm die Last Binsen abgenommen hatte, zweifelte der alte Mann abermals an seinen Sinnen, denn nun sah er da, festgebunden an dem Fuß des Hahns, auch einen schweren Balken. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, aber es blieb bei dem Balken.

Der Alte lief aus der Stadt und verstand die Welt nicht mehr. Was er nie erfuhr, war dieses: An der Last Binsen, die er auf dem Rücken getragen hatte, war ein vierblättriges Kleeblatt festgebunden gewesen; das machte ihn die Wahrheit sehen, solange es ihm gehörte.

(aus: Frederik Hetmann [Hg.]: Der Dornbusch in Donegal, Irische Märchen, ISBN 3-89875-032-9)

Gefunden in Matrix 3000, März 2004

Sonntag, 28. Juni 2009

Gibt es ein Leben nach der Geburt?

Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch seiner Mutter

"Sag mal, glaubst du eigntlich an ein Leben nach der Geburt?, fragt der eine Zwillling.
"Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das, was draußen kommen wird", antwortet der andere Zwilling.

"Ich glaube, das ist Blödsinn!", sagt der erste. "Es kann kein Leben nach der Geburt geben - wie sollte das denn bitteschön aussehen?"
"So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?"

"So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz."
"Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles ganz anders."

"Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von ´nach der Geburt`. Mit der Geburt ist das Lebne zu Ende. Punktum."
"Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sorgen."

"Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an so einen Quatsch! Wo ist sie denn bitte?"
"Na hier - überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein."

"Blödsinn! Von einer Mutter hab ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht."
"Doch: Manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt..."

Nach Henry Nouwen, leicht geändert

Gefunden in Matrix 3000, November 2004

Freitag, 26. Juni 2009

Der Ziegelstein

Ein erfolgreicher junger Mann fuhr in seinem neuen Jaguar ziemlich zügig durch ein Wohnviertel. Als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung zu sehen meinte, drosselte er sicherheitshalber sein Tempo etwas. Aber es erschien kein Kind, stattdessen polterte ein Ziegelstein genau in die Tür seines neuen Jaguars! Der junge Mann bremste abrupt und setzte den Wagen zurück zu der Stelle, wo der Ziegelstein sein Auto getroffen hatte. Wütend sprang er vom Fahrersitz, griff nach dem Kind, das dort stand, und drückte es unsanft gegen das nächste parkende Auto. "Was soll das, und wer bist du" Was zum Teufel treibst du da?! Das ist ein ganz neues Auto, und der Stein, den du da geschmissen hast, wird für deinen Vater ganz schön teuer werden. Warum hast du denn so einen Blödsinn gemacht?!"
Der kleine Junge schaute schuldbewusst. "Es tut mir leid, aber ... ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte." Er schluckte. "Ich habe den Ziegelstein geschmissen, weil einfach keiner angehalten hat..." Die Tränen liefen ihm übers Gesicht und tropften von dem kleinen verdreckten Kinn herab auf den Pullover. Der Kleine wies auf eine Stelle auf dem Bürgersteig hinter einem geparkten Auto. "Mein Bruder! Er ist über die Bordsteinkante gerutscht und aus dem Rollstuhl gefallen, und ich schaff´s einfach nicht, ihn hochzuheben." Der jung Mann stand da wie vom Donner gerührt. "Bitte", schluchzte das Kind. "Bitte, helfen Sie mir, ihn wieder in den Rollstuhl zu setzen? Er hat sich ziemlich wehgetan, und er ist einfach zu schwer für mich."
Tief betroffen versuchte der Fahrer, den schnell wachsenden Kloß in seiner Kehle herunterzuschlucken. Sanft hob er das behinderte Kind, das ihn aus verweinten Augen freundlich anlächelte, in den Rollstuhl, dann tupfte er mit seinem edlen Leinen-Reisehandtuch das Blut von den Schürfwunden. Ein schneller Blick sagte ihm dann, das seine Hilfe nun nicht mehr gebraucht wurde. "Vielen Dank und gute Fahrt! Und - Entschuldigung!", strahlte der kleine Steinewerfen ihn an.
Der Manager nickte stumm und sah zu, wie der kleine Junge seinen Bruder im Rollstuhl den Bürgersteig entlang nach Hause schob. Langsam ging er zurück zu seinem Jaguar. Der Weg kam ihm sehr lang vor. Da war eine ziemliche Beule in der Tür, aber der Fahrer fuhr nicht gleich zur Werkstatt. Die Beule sollte ihm ihre Botschaft noch eine Weile vor Augen halten: "Rase nie so schnell durchs Leben, dass man Steine nach dir werfen muss, um deine Aufmerksamkeit zu erlangen!"

Gefunden in Matrix 3000, Mai 2004

Wieviele "Steine" werden täglich geworfen und keiner bemerkt sie? Und wieviele sind zu müde geworden um noch "Steine" zu werfen? ...

Donnerstag, 18. Juni 2009

Das sinkende Boot

Der persische Weise Nasrudin befand sich einmal auf einer Fähre, die einen breiten Strom überquerte. Neben ihm stand ein Gelehrter, der angesichts seines immensen Wissens arrogant und aufgeblasen tat.

Er fragte Nasrudin: "Haben sie jemals Astronomie studiert?"

"Nein", antwortete Nasrudin.

"Oh, da haben Sie aber viel von Ihrem Leben vergeudet! Mit dem Wissen über die Sterne kann ein Kapitän ein Schiff durch alle Weltmeere navigieren."

Der Gelehrte fragte dann: "Haben Sie jemals Meteorologie studiert?"

"Nein", antwortet Nasrudin.

"Nun, dann haben Sie auch hier große Teile Ihres Lebens verschwendet! Wer über die Winde und das Wetter weiß, kann ein Schiff sicher und schnell von einem Ort zu anderen bringen.

Es folgte die Frage: " Und haben Sie wenigstens die Meereskunde studiert?"

"Nein", antwortete Nasrudin.

Mit mitleidigem Lächeln sagte der Gelehrte: "Zu schade, wie Sie auch hier Ihr Leben verschwendet haben" Die Kenntnis der Ströme ist unerlässlich um ein Schiff zu steuern."

Einige Minuten später stand Nasrudin auf, um ans Ende des Schiffs zu gehen. Beim vorbeigehen fragte er den Gelehrten: "Haben Sie jemals schwimmen gelernt?"

"Nein, dazu hatte ich keine Zeit."

"Dann haben Sie Ihr ganzes Leben verspielt, denn dieses Boot sinkt gerade."

Gefunden in Matrix 3000, Oktober 2006